Sonntag, 23. Oktober 2016

Lange Nacht in Langen

(22.10.2016) Es tut mir leid - und das ist keine Floskel - aber ich muss diesen Blog-Beitrag schreiben. Normalerweise gilt ja die Regel, nach der man nichts sagen soll, wenn man nichts Positives sagen kann. Aber hier stehe ich, ich kann nicht anders.
Ich war gestern Abend mit meiner werten Frau Gemahlin in Langen bei der Show "Magic Moments - Marvin's Magic Show meets friends" deren Headliner der Zauberer Marvin Seib war - ich habe keine Webseite gefunden, sondern nur eine Facebook-Seite. Um es kurz zu machen: Wir waren massiv enttäuscht.

Beginnen wir mit der Organisation - oder dem Fehler derselben. Es beginnt nämlich damit, dass es nicht beginnt, jedenfalls nicht pünklich. Man gönnt sich eine solide Viertelstunde Verspätung, während derer alle möglichen Leute aus dem Zuschauerraum auf die Bühne gehen, hinter dem Vorhang verschwinden, wieder auftauchen und kurz durch den Vorhang lugen. Überhaupt: Der Vorhang! Mehrfach werden die Akteure von seinem Öffnen oder Nicht-Öffnen oder Schließen überrascht, müssen noch schnell einen Ausfallschritt machen, um davor zu bleiben oder dahinter zu verschwinden. Gerne wird auch mal der Kopf durch den Vorhang nach hinten gestreckt, um zu prüfen, ob die nächste Nummer schon fertig aufgebaut ist und es im Programm weitergehen kann - mit dem Rücken zum Publikum. Während der Nummern ist manchmal nur ein sehr kleiner Teil der Bühne ausgeleuchtet; der Künstler tut einen Schritt zur Seite und steht im Dunkeln. Requisiten oder Instrumente (s.u.) liegen nicht bereit, Künstler wandern auf der Bühne hin und her um "ihr Zeug" zu finden, einer geht sogar einen Moment von der Bühne ab, um noch "schnell was zu besorgen". Das alles trägt dazu bei, dass es sich etwas zäh und langsam anfühlt - und das ist es objektiv auch. Wir verlassen kurz vor 23:00 Uhr den Saal während die Vorstellung noch im vollen Gange ist.

Die Programmgestaltung ist - nun ja, sagen wir mal: Ungewöhnlich. Wenn ich die Show eines Zauberers besuche, in deren Titel das Wort "Magic" zweimal verwendet wird, dann erwarte ich im wesentlichen Zauberei. Bekommen habe wir eine Aufführung, die zu höchstens einem Drittel aus Zauberei bestand und zu zwei Dritteln aus acts wie Bauchreden, quick change, Akrobatik an doppelten, vertikalen Stoffbahnen - und Gesinge. Es treten mehrfach adrette junge Herren auf - Anfang 20, wenn ich schätzen müßte - und geben gesanglich Dinge zum Besten, die wahrscheinlich in den ersten Runden von "Deutschland sucht den Superstar" ganz gut ankommen würden. Sie singen nicht "Oh, oh, oh, it's magic, you know - never believe it's not so [...]" (siehe z.B. hier) und so erschließt sich mir der innere Zusammenhang zur Zauberei nicht, aber Bitteschön: Ich bin ein alter Sack, was weiß ich schon. Für mich hat das ganze die Anmutung eines bunten Abends bei Elektro Müller zum Sommerfest: "Und jetzt kommt Frau Meier aus der Buchhaltung und spielt "Hells Bells" auf der Zieharmonika".
Aber: Wer Zauberei sehen will, kommt genausowenig auf seine Kosten, wie jemand, den die Musik interessiert. Und auch das muß gesagt sein: Bauchreden und quick change sind nach meinem Empfinden schon irgendwie der Zauberei ein wenig anverwandt, weil die Überschrift immer ist: Wie macht er/sie das denn? Meine Frau war da viel strenger: Keine Zauberei, keine Daseinsberechtigung in dem Programm.

Was die Zaubernummern angeht, so war der Gastauftritt von Ulf Bürger eindeutig der Höhepunkt: Gut choreographiert, unterhaltsam, klar strukturiert, sehr saubere Technik. Der im Veranstaltungstitel namentlich genannte Meister selber: Da ist Luft nach oben ... Es scheint mir die Wurzel des Übels zu sein, dass Herr Seib Effekt an Effekt reiht - er selber spricht von Tricks - ohne dass es einen Hintergrund, eine Motivation oder einen roten Faden gäbe. Sein Sprechpart ist rein deskriptiv: "Jetzt kommt der nächste Trick - ich stelle die Flasche hier auf die Hand - ich schreibe eine Vorhersage auf - ich gehe jetzt hier herüber ... Es tut mir leid: Aber das ist belanglos. Das gilt auch für die Bühnenillusionen, die zur Musik gezeigt werden: Origami, Zig-Zag, gefesselte Assitentin im Zuschauerjacket, schwebender Tisch. Das paradoxe ist, das die einzige Nummer, die aus diesem Schema auszubrechen versucht, noch schlimmer ist. Es ist eine Variante des Hindu-Fadens, die er mit einem Kollegen/Freund vorführt. Das Narrativ (ich habe ein neues Wort gelernt, das muss sich jetzt amortisieren): Als Kind war ich furchtlos und meine Phantasie hat mir alles erlaubt, heute bin ich erwachsen und habe all das verloren, aber die Zauberei gibt mir die Kindlichkeit zurück. Alles sehr poetisch, sehr schön, sehr tiefsinning. Aber was nützt es denn, wenn Herman van Veen die Texte schreibt, aber die Ausführenden die Ausdruckskraft von Costa Cordalis haben?

So, jetzt habe ich mich ausgekotzt, aber es tut mir - schon wieder - leid: Ich weiß genau, wieviel Arbeit da drin steckt, wieviel Vorbereitung, wieviel Herzblut, wieviele Ideen und wie gut alles gemeint war, aber ich habe es so erlebt, wie ich es geschildert habe. 

Dienstag, 18. Oktober 2016

Profis zeigen immer dieselben Tricks immer anderen Leuten, ...

(15. Oktober 2016) ... Amateure zeigen immer den selben Leuten immer andere Tricks.
Und das wird bei mir und manchen Bekannten und Freunden mittlerweile ganz schön schwer! Die haben schon alles gesehen und kann nicht mehr mit der Frequenz neues Programm erarbeiten, wie diese Freunde es anfordern. Das ist vielleicht ein Luxusproblem, denn es heißt jawohl soviel wie, dass das Vorgeführte gefällt. Aber mein Anspruch an mich selber ist mittlerweile auch der, dass mir die reine Aneinanderreihung von Effekten nicht mehr reicht - und eine gute Nummer von 5 Minuten zu erarbeiten ist ein erheblicher Aufwand.

Wie auch immer: Ich habe zum ersten Mal mein Becherspiel mit dem gespielt, was ich im Moment als den endgültigen Vortrag ansehe. Vortrag: gut - technische Ausführung: na ja ... Warum ist eigentlich so, dass die Sachen 200 Mal in der Probe klappen und einmal während der Vorführung nicht? Und jetzt sage keiner, es liegt am Lampenfieber, denn das verspüre ich nicht. Überhaupt habe ich viel an mir gearbeitet und seit ich meine Arroganz abgelegt habe, bin ich jetzt perfekt  ;-)


P.S.: Den letzten Witz habe ich übrigens bei Urban geklaut. Urban, wenn Du das hier liest: Danke!

Sonntag, 9. Oktober 2016

Keine Schlange am Damen-WC

(8. Oktober 2016)  Wir alle kennen das Phänomen: In den Veranstaltungspausen gibt es vor dem Damen-WC eine Schlange - Theater, Konzert, Messe, Kino, ganz egal wo und wann. Nicht so anläßlich des Zauberkongresses Magie Exquisit des Ortszirkels Frankfurt des Magischen Zirkels, denn Zaubern ist immer noch mit überwältigender Mehrheit eine Männerdomäne. Das bedeutet nicht, dass nicht zu Magie Exquisit auch Damen gekommen wären, aber eben nur sehr wenige.
Meine Damen, sie wissen nicht, was sie verpassen: Der Kongress war die Wucht in Tüten - eine Wucht in ausgebuchten Tüten! Eine dieser Veranstaltungen, bei denen man nach 20 Minuten auf die Uhr schaut, nur um festzustellen, dass bereits zwei Stunden rum sind. Deshalb erlaube ich mir, ein, zwei Photos mehr zu posten als sonst. Was passiert auf einem Kongress? Naja: Berufene Leute halten Vorträge, nicht ganz so berufene hören zu - und schreiben mit - und versuchen was zu lernen.
In den Pausen steht man beisammen trinkt Kaffee, fachsimpelt und kauft den angereisten Zauberhändlern (wie zum Beispiel Magic Center Harri) das eine oder andere ab. Die Atmosphäre ist so eine Mischung aus Klassenfahrt und Proseminar. Es gibt den Anfänger, der mit Kulleraugen die Profis bewundert, es gibt den abgebrühten Semi-Profi, der alles kennt, alles kann, alles schon mal gesehen hat, und weiß, wie's besser geht, es gibt die Altherrenriege, bei der früher alles besser war und es gibt alles andere Menschliche auch.
Mir persönlich hat das Seminar von Helge Thun am besten gefallen, worin es darum ging, welche Kreativtechniken man für das Schreiben von Comedy-Nummern verwenden kann. Mich interessieren Methoden sehr viel mehr als "Ich führe einen Trick vor - ich erkläre einen Trick - ich verkaufe einen Trick". Das hat sicher auch seine Berechtigung, ist aber eben nicht so meins.
Einen sehr zwiespältigen Eindruck hatte von Herrn de Cova. Sein "normales" Seminar fand ich gut und erhellend, aber seine Nummer im Stile des berühmten amerikanischen Zauberers Albert Goshman
war nach meinem Eindruck ein wenig lieblos runtergeleiert.

















Mit Martin Lewis war wieder ein Grand Seigneur der Zauberkunst dabei. Man merkt, dass Herr Lewis in England geboren und aufgewachsen ist: Der feine englische Humor durchzieht seinen Vortrag. That's right up my alley!
Die Abendvorstellung wurde von den Herren Thun und Kondschak mit ihrer Nummer "Der Schöne und das Biest" bestritten: Ich muß lange zurückdenken um mich an eine Veranstaltung zu erinnern, bei der ich länger, heftiger und befreiter gelacht hätte!





Sonntag, 2. Oktober 2016

I tone down the awkwardness for the stage

(2. Oktober 2016) Wer's noch nicht kennt, sollte mal reinschauen: "Penn & Teller - Fool us". Penn & Teller gehören nach meiner unmaßgeblichen Meinung zu den unterhaltsamsten Zauberkünstlern der Gegenwart und sie lassen sich seit nunmehr drei Jahren von diversen anderen Zauberern einen Effekt vorführen. Können die beiden den Effekt nicht erklären (hat er also die beiden zum Narren gehalten, vulgo: did he fool them), darf der Zauberer bei den beiden Herren in Las Vegas im Vorprogramm auftreten - und auf die eigene Webseite schreiben, er habe Penn & Teller hinter's Licht geführt - und den vorgeführten Trick für viel Geld der staunenden Laienschar anbieten.

Ich fand Kyle Eschen schon eine ganze Weile sehr gut, aber sein Auftritt bei P&T hat mir besonders gut gefallen: Die volle Ladung Merkwürdigkeit, Absurdität und zynischer Humor. That's right up my alley!


Ein Satz mit X ...