Samstag, 22. April 2017

Geh'm Se dem Mann am Klavier ...

(21. April 2017) Alle waren da, alle Zuschauertypen waren vertreten: Derjenige, der nicht ertragen kann, nicht zu verstehen, wie die Effekte gemacht sind und der deshalb noch mit einem Bissen Leberkäs' im Mund lautstark - und falsch - erklärt, wie er es sich so denkt, es waren die da, die fassungs- und reglos dasitzen, dabei fast vergessen zu atmen und tatsächlich vergessen zu klatschen, es waren etliche da, die erkennbar Lust hatten, sich unterhalten zu lassen und dem auch lautstark Ausdruck verleihen und es waren ein oder zwei Genervte und Gelangweilte da, die nix mit dem Kokolores zu tun haben wollten. Und es waren natürlich die da, die sofort gefragt haben, ob ich denn mal Lust hätte, in einem Kindergarten aufzutreten ... Na gut, das ist bei einem Helferfest in einer evangelischen Gemeinde mit Kindergarten (der Cyriakusgemeinde nämlich) vielleicht nicht ganz überraschend. Trotzdem: Ich mache erkennbar Erwachsenenprogramm, beleidige mein Publikum kreativ, rede über Newton'sche Physik, Teamwork und die mythologische Bedeutung von Spiegeln - und werde trotzdem gefragt, ob ich denn auch Kindergeburtstage bestreite. Das zeigt mir mal wieder, wie unklar die Regeln unserer Kunst der breiten Masse sind und welchen Stellenwert wir genießen. Ein Pianist, der soeben Chopin gegeben hat, wird nicht gefragt, ob er denn nicht mal Lust hat, auf der Kerb aufzutreten und ein Ballermann-Repertoire zu spielen.
Á propos Pianist: Aus Erfahrung klug geworden bestehe ich mittlerweile darauf, dass während meines Auftrittes keine Musik spielt - außer vielleicht sehr dezente, leise Fahrstuhlmusik. Das war auch für diesen Auftritt so vereinbart, denn ich lebe stark davon, mit meinem Publikum zu reden und auf mein Publikum einzugehen. Aber dann wird jemand angekündigt, der auf einem schönen, großen Konzertflügel allerlei pianiert: Boogie-Woogie, das eine oder andere von Billy Joel, ein wenig Pop, ein wenig Jazz - und alles schön laut. In dem frugalen, leeren, mit Linoleum ausgelegten Gemeindesaal aus den fünfziger Jahren hallt das alles sehr schön und ich muss gegen diese Kulisse fast schon anschreien. Das ist mir unangenehm, nicht zuletzt, weil es auch für den Pianisten sicher nicht schön ist, sich die Aufmerksamkeit mit einem anderen Künstler teilen zu müssen! Auch das scheint mir mal wieder ein Hinweis darauf zu sein, dass vielen Menschen die "Spielregeln der Zauberei" so wenig klar zu sein scheinen, dass selbst vorher getroffene Absprachen zu ihrer Klärung nicht helfen. Da ist guter Rat teuer ...

Samstag, 8. April 2017

25% Zuschauerzuwachs

(7. April 2017) "Interessant!" würde man heute wohl sagen oder vielleicht auch "Weißt Du: Wenn es Dir gefallen hat ..." wenn es um den open-stage-Abend in Christels Scheune geht. nach reiflicher Überlegung sage ich: Bizarr, absurd, dadaistisch! Das Photo zeigt das gesamte Publikum des Abends - jawohl, das gesamte Publikum! Also, zumindestens die Startbesetzung. Im Laufe des Abend gesellt sich noch eine weitere Dame hinzu: Ein Zuwachs von stolzen 25%! So weit, so irrelevant: Man geht zu einer offenen Bühne, weil man Dinge ausprobieren möchte und man erwartet kein riesiges Publikum. Also ist es dann eigentlich auch unwichtig, ob vier Leute im Publikum sitzen, oder 40. Ich jedenfalls habe mal wieder eine Variante eines Wayne-Dobson-Effektes gespielt, die sich ohne Publikum kaum richtig üben läßt und einen Anagram-Effekt von Christoph Borer ausprobiert - der nebenbei bemerkt sehr gut funktioniert hat und in mein festes Repertoire wandern wird. So weit also: Mission accomplished.
Aaaaber ... man erwartet auf einer offenen Bühne sicher auch Dinge, die ein wenig trashig sind, aber die Dame die mir nachfolgte auf der Bühne hatte dort so gar nichts zu suchen. Auf einer Bühne findet irgendeine Form der Unterhaltung statt, oder liege ich völlig falsch? Diese Dame jedoch berichtete aus einer umfangreichen A4-Kladde heraus in wirren Worten über eine Ägypten-Reise, die sie zur Künstlerin gemacht habe. Es geht um ein Projekt - oder ein Theaterstück - oder Kontakte zur ägyptischen Regierung - oder ein Musical - oder etwas das in alle Welt in die ägyptischen Botschaften übertragen wird - oder ein internationales Friedensprojekt - oder eine Wassermusik, die sie hat komponieren lassen, da Worte ihre Gedanken nicht korrekt wiederzugeben in der Lage sind - oder irgendetwas anderes: Ich habe keine Ahnung! Ich fand das ganze so unterhaltsam wie zwei Hände voll trockenen Katzenfutters. Wünsche aus dem Auditorium, dann doch mal Passagen aus dem Werk - was auch immer es denn sei - vorzutragen, auf dass man sich mal ein Bild machen könne, wovon denn die Rede ist, werden abgelehnt: Das trüge jetzt nicht zur Klärung bei - und bisher sei sie eigentlich immer gut verstanden worden, dass jetzt solche Nachfragen kämen sei neu für sie. Okay, habe ich verstanden: Ich bin einfach nur zu dumm. Damit kann ich leben.
Ich spiele als Zugabe eine neue Tuchnummer und bin's zufrieden - und ich bin um eine Erfahrung reicher.

Sonntag, 2. April 2017

Wenn zwei das Gleiche tun ...

(2. April 2017) ... dann ist das noch lange nicht dasselbe. So geht ein bekanntes Sprichwort. Aber selbst wenn einer das Gleiche tut, ist es noch lange nicht dasselbe. Ergibt keinen Sinn? Dann schauen Sie sich mal die folgenden Videos an:





Prinzip erkannt, oder? Die selben Mosaiksteinchen, ein ähnliches Bild - aber kein identisches! Sicher: Die Nummer bleibt immer erkennbar, aber die Vorfhrungen sind einander nicht identisch miteinander. Was muss der Mann für eine Routine haben mit dieser Routine, dass er in der Lage ist, die Teile so hin- und herzuschieben, sodass immer wieder etwas leicht Neues entsteht! So stelle ich es mir vor, wenn Musiker hunderte von Malen dieselben Songs spielen müssen: Sie arbeiten kleine Veränderungen ein, die das Musikstück nicht grundlegend verändern, aber auch für die Musiker selber interessant und frisch (was für ein Wortspiel ... ;-) ) halten.
Ich selber habe in den letzten Wochen und Monaten viel über "Thema und Variationen" in der Zauberei nachgedacht und glaube einige Parallelen zur Musik entdeckt zu haben, die es Wert sind untersucht zu werden. So gilt zum Beispiel in der Musik das ungeschriebene Gesetz, dass ein Musikstück nicht zu vorhersagbar, aber auch nicht zu unvorhersagbar sein darf. Es gibt da so einen Korridor zwischen totaler Ordnung und totalem Chaos in dem Musikstücke liegen müssen, damit sie "Hitpotential" haben. Das gilt übrigens für Bach und Beyoncé gleichermassen ...

Ein Satz mit X ...