Freitag, 26. Mai 2017

Freunde sind wie Kinder

(25. Mai 2017) Kinder sind für mich als Publikum schwierig: Sie haben nur eine kurze Aufmerksamkeitsspanne, interessieren sich nicht für meine Vorträge (die ich immer so witzig, interessant und einfallsreich finde - einer muss sie ja schließlich mögen ...) und wollen es immer schnell, bunt und laut.
Freunde sind genauso - nur anders. Sie kennen einen in einer anderen Rolle, sie kennen die eigenen Stärken und Schwächen, sie "kaufen" die Bühnenperson nicht, die man anderen Zuschauern zeigt. Das alles macht es sehr viel schwerer, selbst die fertigen, geschliffenen Routinen glaubhaft und gut zu spielen. So auch für mich, der ich am Vatertag meine guten, alten Freunden über dem Nachtisch eines Grillabends ein wenig unterhalten wollte. Im Publikum sitzen zwei Patentanwälte, eine Tiermedizinerin, eine Übersetzerin und eine Biochemikerin - auch das macht die Sache nicht einfacher. Dafür, so wage ich zu sagen, lief's gut. Es scheint sich das Publikum gut amüsiert zu haben. Ein Freund, den ich nicht im Verdacht habe, mir lediglich schmeicheln zu wollen (gehört das nicht zur "Stellenbeschreibung Freund"?) sagt ganz trocken, ich hätte mich im Vergleich zu vor zwei, drei Jahren erheblich verbessert und er habe keine Ahnung mehr, wie die Effekte gemacht gewesen seien. Na, das freut doch die Hausfrau!

Freitag, 19. Mai 2017

Beschränkungen überwinden - und nutzen ...

(19. Mai 2017) Behinderte Zauberer haben mich schon immer schwer beeindruckt. Wir, die wir im Vollbesitz unserer körperlichen - wenngleich nicht immer unserer geistigen ;-) - Kräfte sind, haben häufig schon alle Hände voll zu tun damit, unseren Körper dazu zu bringen, zu tun was getan sein muss, damit eine Illusion zustande kommt. Ich hoffe, der geneigte Leser hat elegante Wortspiel in diesem Satz bemerkt; zur Sicherheit noch mal der Hinweis: "alle Hände voll" ...
René Lavand, 2015 verstorben, konnte in Folge eines Unfalls seit seinem neunten Lebenjahr seinen rechten Arm nicht gebrauchen - und war dennoch ein unglaublich erfolgreicher, charismatischer Zauberer! Hier kann man sich eine seiner bekanntesten Nummern anschauen - nein: Man kann sie nur bestaunen!



So weit, so gut, aber am Montag dieser Woche hatte ich das Vergnügen, die folgende Nummer von Philippe Walter im Magischen Zirkel Frankfurt live sehen zu dürfen:


Insbesondere ab 3:10 wird es spannend: Die Idee fand ich extrem clever! Sich selber eine "Beschränkung" aufzuerlegen, mündet hier mal wirklich in eine Hommage, die diesen Namen verdient, nicht nur eine einfache Wiederholung, die als Hommage verkauft wird. Es zeigt sich mal wieder, dass Beschränkungen in der Kunst - politische Zensur, hoher Produktionsdruck, begrenzete Themenwahl, ... - sich durchaus positiv auf die Kreativität auswirken können. Man sollte vielleicht viel häufiger darüber nachdenken, sich selber Beschränken aufzuerlegen und zu schauen was dabei rauskommt, wenn man:
  • nur grüne Requisiten verwendet.
  • das Jacket falsch herum anzieht.
  • auf Knien zaubert.
  • eine Sprechnummer stumm vorzuführen versucht.
  • ...

Montag, 15. Mai 2017

Es paßt (nicht)

(14. Mai 2017) Der Zauberauftritt anläßlich der Konfirmation einer jungen Dame ist gelaufen - und er ist gut gelaufen, soweit ich das beurteilen kann. Das Publikum ist gelöster Stimmung, will sich unterhalten lassen, geht schön mit, applaudiert und kommt mit meinem manchmal etwas sarkastischen Humor gut zurecht. Besonders freut mich, dass die Anagram-Nummer von Christoph Borer aus seinem Buch "21" sehr gut läuft und so gut ankommt: Die ist ab jetzt auch bei close-up-Auftritten fest in meinem Repertoire! Auch meine modifizierte ACR funktioniert gut: Das Konzept, mit dem ich ein wenig weg wollte von: "Deine Karte ist wieder oben - Deine Karte ist schon wieder oben - Deine Karte ist immer noch oben - Deine Karte ist ..." scheint aufzugehen. Läuft noch nicht hundertprozentig rund - am Ende steht ein card-to-wallet-Moment, der nicht ganz organisch eingepasst ist, aber da habe ich schon eine Idee, wie man das hoffentlich besser machen kann.
Nach dem Auftritt sitze ich dann noch ein wenig bei der Dame des Hauses und es wird small talk gemacht: Seit wann ich zaubere, wie ich dazu gekommen bin, welche Bedeutung die Mitgliedschaft im Magischen Zirkel für mich hat und anderes mehr. Die Rede kommt auch auf meine Webseite (www.intelligente-unterhaltung.de) und auf meine Universitäts-Abschlüsse in Chemie. Ich hatte mich vorher schon als tief in der Wolle gefärbten Naturwissenschaftler zu erkennen gegeben und die Gastgeberin sagt, es sei ja erstaunlich, dass so jemand wie ich auf so ein künstlerisches Hobby komme, das passe ja normalerweise nicht so zusammen. Ich schwanke zwischen "Weglächeln" und "ernsthafte Diskussion über Rollen anfangen". Ich entscheide mich dafür, meine Meinung zum Besten zu geben: Ich halte es für ein Cliché, dass Menschen nur eine Begabung haben können - wenn ich mir dann mal ganz arrogant selber attestieren darf, weder als Naturwissenschaftler noch als Zauberer ein Vollversager zu sein. Aber ich wundere mich die ganze Heimfahrt lang immer noch darüber, wie prägend und wirkmächtig solche Rollenzuschreibungen sein können.

P.S.: Ich bin übrigens auch noch recht gut im Standard- und Latein-Tanzen, spreche fließend Englisch, kenne mich einigermaßen in Geschichte und Literatur aus, habe eine recht gute Übersicht über das Werk des Malers Jan van Eyck, beherrsche die elektronische Bildverarbeitung und habe mir ein solides Wissen über romantische Sinfonien angeeignet. Ich weiß, ich weiß: Is there no end to this mans talents? ;-)

Ein Satz mit X ...