Mittwoch, 27. September 2017

Leer

(24. September 2017) Diejenigen meiner Leser, die wissen, dass ich ein gebürtiger Ostfriese bin, könnten vermuten, dass der Titel die gleichnamige Stadt in Ostfriesland meint. Ist aber nicht so. Er bezeichnet in der Tat den Füllstand meines Publikums anläßlich der Gemeindefeier in unserer lokalen Kirchengemeinde. Das Photo ist eine getreue Wiedergabe der Situation, wie sie den größten Teil der Zeit war. Das ist mir auch noch nicht passiert! Gut, ich muss zugeben, dass ich mit der Plazierung im Obergeschoss im erweiterten Treppenhaus zufrieden war, weil ich davon ausgegangen war, dass sich das Publikum schon durch das Haus bewegen würde. War aber nicht so. Unten im Saal gab es Kaffee und Kuchen und das geht ja bekanntlich immer: Wann bekommt man denn in dieser, unserer schwierigen Zeit schon mal Kaffee und Kuchen? Da muss man schon verstehen, wenn die Menschen lieber sitzenbleiben.
Kurz und gut: Wenn ich im nächsten Jahr noch einmal zu der Veranstaltung eingeladen werden sollte, dann werde ich nur table hopping im Saal anbieten und hoffen, dass das ins Programm paßt. Dann kann ich mir auch mein Publikum etwas besser aussuchen. Am eigenen Tisch zu stehen bedeutet natürlich, dass zuallervörderst die Kinder kommen - und ich habe mittlerweile verstanden, dass es Kollegen gibt, die als Kinderunterhalter einfach besser sind als ich mit meinen wortschweren, ironischen Nummern über Isaac Newton und Elementarteilchen. Wenn dann unter den Kindern auch noch solche sind, denen ihre Eltern eine anständige Erziehung verweigert haben und die trotz mehrfacher Aufforderung das nicht zu tun reingrapschen, rumschreien und mit aller Macht hinter den Tisch wollen, dann sinkt meine Laune merklich. Es verstehe mich niemand falsch: Die Mehrheit der Kinder sind toll als Publikum. Sie klatschen zwar nicht (das ist ist eine Kulturtechnik, die offenbar erst nach der Pubertät erlernt wird), aber offene Münder und "Wie machst Du das?"-Nachfragen zeigen, dass sie sich gut unterhalten fühlen.
Na gut: Wieder eine Erfahrung reicher und weiter geht die Fahrt ...

Sonntag, 24. September 2017

Was ist Unterhaltung?

(23. September 2017) Eine komische und viel zu philosophische Frage für einen eigentlich so heiteren Anlaß wie die Heirat meines Schwagers, oder? Denn zum Fest zur Feier eben dessen bin ich durch die beiden Frischvermählten gebeten, ein wenig table-zu-hoppen: Ihr Wunsch ist mir Befehl. So weit, so unspektakulär. Ich spiele das, was mittlerweile mein Standard-Programm für solche Anlässe geworden ist: Schwammbälle, mouthcoils für die noch wache und überdrehte Jugend, ambitious card, ring'n'string, cut'n restored rope - alles was schnell auf den Punkt kommt, auch von der anderen Seite des Tisches noch gut zu sehen ist und nicht kiloweise Ausrüstung braucht. Erwähnenwert ist nur, dass ich zweimal meine Becher-und-Ball-Nummer zu spielen versuche und beide Male an Gästen scheitere, die - offenbar beflügelt durch den hastigen Genuß eines oder zweier Gläser Rhein-Weines zuviel - beherzt in die Nummer reingrapschen. Bevor sie der Nummer dauerhaften Schaden zufügen kann ich jeweils die Nummer zu einen vorzeitigen Ende führen. Wieder was gelernt.
Jetzt aber zur Unterhaltung: Ich bin nicht der einzige darstellende Künstler unter den Gästen, der die Veranstaltung heimsucht. Es gibt eine erhebliche Fraktion von Clowns, die es sich nicht nehmen lassen, zwei Nummern zu spielen. Jetzt habe ich seit gestern viel darüber nachgedacht, wie ich meine Meinung zum Dargebotenen in freundliche oder wenigstens lustige Worte fasse: Es fällt mir nichts ein. Ich fand die beiden Nummern tod-sterbens-langweilig, so, jetzt ist es raus ... Ich fand das Vorgestellte banal, sehr Slapstick-lastig (Teller fallen zu Boden, Kleidungsstücke rutschen, ...) und generell un-lustig. Groteske Verkleidungen, schiefes Singen und rote Nasen sollen offensichtlich signalisieren: Hier wird's lustig. Wird es für mich aber nicht. Und noch während die Nummern laufen, frage ich mich, was denn nun"unterhaltsam" ist. Ich habe noch keine vollständige Theorie der Unterhaltung (sobald ich die habe, schreibe ich ein Buch, werde berühmt und reich und setzte mich zur Ruhe), aber ich kann folgende drei Faktoren bereits jetzt benennen:

  • Tempo
  • Überrraschung
  • Relevanz

Ich hasse es, wenn eine Idee, die ich lange verstanden habe, endlos ausgewalzt wird, genauso wie ich es hasse, wenn Abläufe absehbar sind. Schlußendlich ist für mich immer die Frage: Was bedeutet das für mich, welche Anknüpfungspunkte gibts da für mich? Man muss das nicht überhöhen, es soll schließlich leichte Unterhaltung bleiben, aber so sieht's nun mal für mich aus.
Es verstehe mich niemand falsch: Ich habe groẞen Respekt davor, dass Menschen ihre Freizeit dafür einsetzen, anderen eine Freude zu machen, aber ich hoffe, dass mich mal bei Gelegenheit jemand beiseite nimmt und sagt: "Karsten, da war schon viel Schönes dabei, aber ...".

Sonntag, 17. September 2017

Kinder und Bedienungen

Nahkampfzaubern
(16. September 2017) Hat Spaß gemacht! Eine wirklich schöne Feier eines runden Geburtstages und ich mittendrin als kleines Unterhaltungs-amuse-bouche. Die Bedingungen sind zwar nicht ideal, denn es ist picke-packe-voll, die Gäste sitzen dicht gedrängt und hin und wieder bekomme ich einen Ellenbogen in den Rücken gerammt, aber die gut gelaunte Festgesellschaft macht das locker wieder wett. Man ist gelöster Stimmung, man ist wild entschlossen, sich zu unterhalten und sich unterhalten zu lassen - und das ist nicht nur die halbe, das ist die ganze Miete! Wenn die Menschen nicht auf Unterhaltung und nicht auf Zaubern eingestellt sind, dann kann man 12 Elefanten erscheinen und wieder verschwinden lassen und wird trotzdem nur die Bemerkung ernten, dass da ja schon viel Schönes dabeigewesen sei.  Aber wie gesagt ist die Geburtstagsfestgesellschaft aufgeräumter Stimmung - und es spielt keine Musik - und so wage ich es, einige meiner eher wortlastigen Nummern zu spielen, bei denen ich den Naturwissenschaftler, den Bildungsbürger und arroganten Schnösel raushängen lasse. Besonderen Spaß macht es mir, an jedem Tisch einen Karteneffekt zu spielen, der so gar nichts mit dem zu tun hat, was die meisten Leute unter einem "Kartentrick" verstehen (für die Zauberer unter meinen Lesern: ACR, Neither blind nor stupid, Sudden Deck, Presto Printo, Out of this world, ...).
So, jetzt zur Überschrift: Es gibt in der Festgesellschaft ein etwa fünf Jahre altes Kind und es wuselt eine Bedienung im Lokal herum - und beiden ist meine Kunst von Herzen egal. Die Bedienung fragt beherzt mitten in die Nummern hinein, ob's denn noch ein Bier oder etwas Senf zur Worscht sein darf. Da macht es dann hörbar "Knack" - das war der Spannungsbogen, den es erwischt hat. Das erlebe ich nicht zum ersten Mal in einem Restaurant, dass das Bedienpersonal offensichtlich überhaupt kein Sensorium dafür hat, dass solche Unterbrechungen fast nicht zu überspielen sind. Ich bin davon überzeugt, dass das nicht böse gemeint ist, genausowenig wie es das Kind böse meint, wenn es sich die Aufmerksamkeit der Erwachsenen holt, indem es grade mit einer Sofortbildkamera geschossene Photos rumzeigt. Blöd nur, wenn man grade dann mit dem einzigen Effekt des Abends in der Gegend rumsteht, der etwas winkelanfällig ist und man es gerne an den Punkt bringen würde, wo diese Winkelanfälligkeit aufgehoben wird!
So, was "gegen Kinder" zu sagen hat ja das Potential, einen shit storm auszulösen, also setze ich mir jetzt mal meinen Stahlhelm auf und hebe mir einen Graben aus ...

Ein Satz mit X ...