Donnerstag, 15. Februar 2018

Die Rolle ist die Rolle ist die Rolle ...

(14. Februar 2018) Im Hauptberuf bin ich Bid Manager für eine große EDV-Firma - eine Art Projektleiter für Angebote, die so groß und komplex sind, dass sie von vielen Leuten parallel bearbeitet werden müssen. In diesem Beruf muss ich strukturiert arbeiten, Pläne erstellen und ihre Durchführung überwachen, Fortschrittsberichte schreiben und an vielen, vielen Besprechungen teilnehmen und deren Ergebnisse in die Tat umsetzen. Am Aschermittwoch arbeite ich natürlich ebenfalls in dieser Funktion, ich sitze in einem Raum mit einer Menge Kollegen aus aller Herren Länder und wir arbeiten konzentriert an einem Angebot, ich in der soeben beschriebenen Funktion - und dann stehe ich auf und fahre ich zu einem Zauberauftritt beim VdK Preungesheim-Berkersheim. Ich bin das Zentrum der Aufmerksamkeit in einem Saal voller Menschen, die sich fragen, was der komische Mann im Stresemann (so der Name des Anzuges, den ich trage) da so macht. Ich stelle meine übliche stage persona vor, den leicht arroganten, leicht besserwisserischen Akademiker. Ich bin Rampensau, ich produziere mich, ich schreie - im übertragenen Sinne - "Schaut mich an, ich unterhalte Euch!", ich lache mit den Zuschauern und teile ihre Überraschung und ihre Freude. Dann fahre ich wieder ins Büro und bin wieder strukturiert und logisch und spreche Englisch. Diesen Kontrast habe ich selten so stark erlebt wie an diesem Tag!
So, jetzt wird's schmalzig: Ich liebe es, dass mein Leben diese beiden Facetten hat. Mir macht beides unglaublich viel Spaß und ich würde gerne glauben, dass das eine immer ein Korrektiv für das andere ist.

P.S.: Ach ja, gezaubert habe ich auch - und ich bin das erste Mal an einer Zuschauerin vollständig gescheitert, die alles daran setzt, meine ambitious-card-Routine zu sabotieren. Ob Sie bitte die Karte unterschreiben kann? Nein, will sie nicht, sie malt eine Schlangenlinie drauf. Na gut ... Ob sie mit dem Finger schnippen kann? Nein, kann sie nicht. Hhmm, blöd ... Ob sie bitte auf eine Karte in der Mitte des Stapels tippen kann? Sie tippt auf die erste Karte ... Warum ich nicht nach den ersten Anzeichen dafür Schluß gemacht oder einen anderen Zuschauer ausgewählt habe, ist mir rückschauend ein Rätsel. Jeder darf Zauberei so erleben und genießen, wie er oder sie mag und natürlich darf man Zauberei auch doof und belanglos finden, aber warum muß ich denn die arme Frau so quälen und mich gleich mit? Warum suche ich mir nicht einen Zuschauer, der daran Spaß hat? Ich weiß es nicht, aber vielleicht habe ich ja was gelernt.
Im übrigen war das Publikum sehr nett und der Unterhaltung gegenüber sehr aufgeschlossen, das sei der Vollständigkeit halber angefügt!