Sonntag, 20. Mai 2018

Fremdwahrnehmung versus Eigenwahrnehmung

(19. Mai 2018) Das Becherspiel - ein Effekt mit drei Bechern und drei kleinen Bällen - gilt vielen Zauberern als die Königsdiziplin des Zauberns - und das habe ich lange nicht verstanden. Sicher: Die Techniken erfordern einige Geschicklichkeit, die Requisiten sind ziemlich simpel und der Effekt hat eine gewisse Tradition - ob sie bis ins alte Ägypten zurückreicht, wie gerne mal behauptet wird, scheint mir zweifelhaft zu sein, aber "alt" ist der Effekt sicherlich. Vielleicht eher als Betrugsmasche (Stichwort: Hütchenspiel) denn als Zaubertrick, aber immerhin ...
Also habe ich mir schon vor geraumer Zeit Becher und Bälle gekauft, wie man das so als unerfahrener Novize eben macht - und die Dinger mindestens zwei Jahre nicht benutzt. Sicher, ich habe immer mal wieder damit rumgespielt, aber was Zählbares im Sinne einer Nummer, die man vorführen hätte können, ist nicht dabei rausgekommen.
Also habe ich aus der Not eine Tugend gemacht und eine Nummer aufgebaut, im Rahmen derer ich erzähle, dass ich mit dem Becherspiel welches als Königsdisziplin der Zauberei gilt, nie richtig zurechtgekommen bin. Ich zeige welche Teileffekte ich ausprobiert habe, in der Hoffnung eine Gesamtnummer daraus aufbauen zu können. Ich habe die Nummer das erste Mal bei dem gemeinsamen Auftritt in der JVA gespielt (siehe hier) und zu Pfingsten vor einem erlesenen Publikum aus kritischen Verwandten und Freunden. Das hat unfallfrei geklappt, aber jetzt kommt's: Ich befrage in einer stillen Minute meine Frau danach, wie denn die Nummer so gewesen sei. "Ja,", sagte sie: "ja, da war schon viel Schönes dabei ..." um danach auszuführen, dass doch die Nummer mit dem einen Becher oder die mit den Schwammbällen viel lustiger und unterhaltsamer sei. Ja, natürlich: Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Irren sich alle Zauberer, was den Stellenwert des Becherspiels angeht, oder war meine Nummer nicht gut genug?
Wie auch immer: Ich könnte die Nummer jetzt wieder einmotten, ich bin immerhin nur Amateur und habe nicht beliebig viel Zeit, die ich in mein Hobby investieren könnte. Aber jetzt habe ich schon so viel Zeit reingesteckt, jetzt soll's eigentlich auch was werden. Back to the drawing board ...

P.S.: Auf dem Photo sehe ich ein wenig schief aus. Im wahren Leben bin ich natürlich vollkommen grade und aufrecht!

Freitag, 4. Mai 2018

Strafanstalt, Gefängnis, Bau, Bunker, Karzer, Kittchen, Knast oder Zuchthaus

(03. Mai 2018) Es ist so, wie ich es erwartet habe - und ganz anders. Es sieht so aus, wie es mir vorgestellt habe - und ganz anders. Es läuft so, wie es mir erhofft hatte - und ganz anders.
Ja, mit drei Kollegen vom Magischen Zirkel Frankfurt (Andreas Fleckenstein, Harry Keaton und Amedeo Velluso) gehen wir "hinter Gitter" in die JVA Darmstadt (die nach Fritz Bauer benannte, nicht Weiterstadt) und alle Türen sind verschlossen und alle Fenster vergittert, aber als wir eintrudeln, wird bei Kaiserwetter draußen Fuß- und Basketball gespielt - und wenn man nicht so genau hinschaut, könnte man denken, man sei in einer Kaserne. Alle Insassen tragen mehr oder minder einheitliche Kleidung, die aber nichts mit der stereotypischen Gefägniskluft zu tun hat, die man gerne mal im Fernsehen sieht. Der Auftritt im Rahmen der Aktion "Kunst hinter Mauern", initiiert vom "Verein Kunst und Literatur für Gefangene e.V." ist einfach ein Riesenspaß und das Publikum geht mit, dass es eine Freude ist (s.u.). Die Insassen bieten bereitwillig an, beim Aufbau zu helfen, offenbar froh über jede Abwechslung, sei sie auch noch so klein, sie sind freundlich und höflich.
Aber ich vergesse keine Sekunde wo ich bin und dass ich nach Ende der Veranstaltung wieder nach Hause gehen kann, unser Publikum aber nicht. Wie spielen unseren Auftritt in der Sporthalle und der Sportvereinsvorsitzende in mir registriert sofort: Volles Basketballfeld, toll ausgestattete Muckibude und Laufbänder, eins am anderen. Der Otto-Normalverbraucher in mir registriert: Selbst die analoge Hallenuhr ist mit einer Plexiglasscheibe abgedeckt und die ist mit einem Schloß gesichert - wahrscheinlich weil die Zeiger der Uhr spitz und scharf und aus Metall sind.
Das Publikum ist circa 60 Leute stark und reagiert - sagen wir es mal so: Nicht ganz so reserviert, wie wir das häufig gewohnt sind. Man überschreit sich gegenseitig mit Sprüchen und Pointen und hin und wieder wirft jemand nach einem besonders beindruckenden Effekt ein "Scheiße!" in den Raum - und nach einer Stunde ist alles vorbei. Zusammenräumen, kurze Manöverkritik unter uns, draußen schnell noch das Selfie geschossen (drinnen sind Handies nicht gestattet) und dann war's das. Ich gestehe: Ich merke am Abend, dass mich das beeindruckt hat, dass es nicht spurlos an mir vorüber gegangen ist!

Meine Frau merkt an - und wo sie Recht hat, hat sie Recht: Ohne Mitglied im Magischen Zirkel zu sein, kommt man an solche Auftritte nicht ran - und das war wohl bisher mein ungewöhnlichster Auftritt ...

Sonntag, 29. April 2018

Ich bin ja kein Kinderzauberer, aber ...

(29. April 2018) Hanna ist  5 Jahre alt und schüchtern. Vor ca. einem Jahr habe ich das erste Mal für Hanna gezaubert - und offensichtlich einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Kaum dass sie meiner anläßlich der Erstkommunion ihres Vetters, meines Patensohnes, ansichtig wird, kommt Hanna und fragt ob ich denn was zaubern könne. Ihre Mutter berichtet mir später, als während der vorausgegangenen Woche die Sprache auf die bevorstehende Veranstaltung und deren Gäste gekommen sei, habe Hanna den Anwesenden erklärt, der Karsten könne ja zaubern. Ich finde es unglaublich, dass sich ein fünfjähriges Kind an eine solche Sache noch nach 20% seiner bisherigen Lebenszeit erinnern kann - und ich bin unglaublich stolz und gerührt. Es ist mir egal, wie rührselig sich das jetzt anhört!
Ich hatte natürlich geahnt, dass meine Zauberkunst gefragt sein könnte und demzufolge das Eine oder Andere eingepackt. Und es läuft, das macht einfach Spaß! Ich spiele gut geübte Routinen, die zahlreichen Zwischenrufe der Zuschauer dienen mir als Startpunkte für weitere Wortspiele und selbst ein Schnitzer während der ACR bringt mich nicht aus der Ruhe, sondern ich wandele ihn noch in einen schönen Moment um. Solche Momente würde man ab liebsten auf Flaschen ziehen und für später aufbewahren!

Samstag, 21. April 2018

Geisterkabinett zum runden Geburtstag

(14. April 2018) Meine Frau feierte unlängst einen runden Geburtstag - sagen wir, es war der 29. - plus Mehrwertsteuer - plus Skonto - ... Wir hatten - für unsere Verhältnisse - eine Riesensause vorbereitet mit Kaffee und Kuchen im alten Pfarrhaus, in dem meine werte Frau Gemahlin seinerzeit aufgewachsen ist und einem sehr netten Abendessen in einem sehr netten Restaurant und das alles in der Gesellschaft von Eltern, Geschwistern und weiteren Wahlverwandten die mit Kind und Kegel zum Teil von weit her angereist waren. Es war kurz gesagt ein intensiver und sehr schöner Tag!
Die beste Ehefrau von allen hatte sich von mir einen künstlerisch-darstellenden Beitrag zur Feier gewünscht - und wer mich kennt, der weiss, dass es nicht um Gesang ging ... ;-)
Gewünscht war eine Zaubereinlage auf Halbdistanz nach dem Hauptgang des Abendessens. Das ist zwar ein klein wenig ausserhalb meiner zauberischen Kernkompetenz, der Mikromagie, aber ich habe mich natürlich angestrengt, was hinzubringen. Insbesondere wollte ich nur Nummern spielen, die meine Frau nicht kennt.
Also war es mal an der Zeit, mein vor einiger Zeit erworbenes Geisterkabinett einzuweihen, für das ich mir einen Vortrag zum Thema String-Theorie gebastelt habe - ein lustiges Unterfangen in einem Raum voller Leute, die zur Hälfte ein technisch-naturwissenschaftliches Studium genossen haben - oder sich just in einem solchen Studium befinden. Den Zuschauerreaktionen nach zu urteilen, hat es aber funktioniert. Ein phantastischer Effekt von Christoph Borer aus seinem phantastischen Buch "21" kommt auch gut an: Eine Zeitung wird in kleine Schnippsel zerrissen, ein Zuschauer wählt einen der Schnippsel, liest einige Worte von dem frei gewählten Schnippsel vor - und aus den Buchstaben dieser Worte bildet sich eine persönliche Botschaft, in diesem Falle an das Geburtstagskind. Schlußendlich gibt es noch ein tossed out deck aus dem mangels koordinativer Fähigkeiten des Publikums eher ein tossed down deck wird. Ein Kommilitone - 1er Abiturient, promovierter Biochemiker, Patentanwalt, Intelligenzbestie und sehr netter Mensch - läßt mich wissen, ich sei im Laufe der Jahre immer besser geworden, diesmal habe er keine Ahnung, wie ich's alles so gemacht hätte - und so bin ich's denn zufrieden ...

P.S.: Auf dem Photo bin ich wenig unscharf, ich bitte das zu entschuldigen - in persona bin ich natürlich total scharf!

Sonntag, 25. März 2018

Moment mal!

(24. März 2018) Ein Zauberfreund hatte gesagt, die Show könne man sich gut und gerne mal ansehen - gemeint war das Varieté im Neuen Höchster Theater - und recht hatte er. Ich habe seinen Ratschlag zu einem Wolldeckengeschenk für meine Frau verarbeitet (Wolldeckengeschenk: Ein Geschenk, an dem sich auch andere noch wärmen wollen, ich in diesem Falle). Gestern waren wir da und haben zwei sehr vergnügliche Stunden verbracht, nicht zuletzt, weil Zaubern einen nicht unerhebliche Teil des Programms ausgemacht hat. Nicht dass die artistischen Darbietungen der anderen Künstler nicht im höchsten Maße beindruckend gewesen wären: Das waren sie - bitte hingehen und selber anschauen, selbst hervorragende Karten weit vorne sind um kleines Geld zu haben und bekanntlich machen ja Erlebnisse glücklich, nicht Dinge.
Aber der Zauberer in mir hat natürlich am zaubernden Moderator Alexander Merk seine besondere Freude: Mein Humor ("Hallo der Herr, nett dass Sie so freundlich wegschauen ...") und ein Repertoire, von dem ich denke: "Oh, das könntest Du auch ...". Das stimmt zwar nicht, aber es hinterläßt so ein wohliges Gefühl der unausgesprochenen Komplizenschaft.
Eine besondere Dreingabe war für mich der Auftritt von Marko Karvo, einem sehr klassischen Zauberer im Stile eines Channing Pollock und Lance Burton. Da war alles dabei: Frack, weiße Handschuhe, Rüschenhemd, Tauben, mehr Tauben, noch mehr Tauben, ein Kakadu, ein Ara, Seidentücher, mehr Seidentücher, noch mehr Seidentücher - und ein erscheinender Vogelkäfig nach dem anderen, jeder immer größer als der vorhergehende. Schön, dass es auch noch Leute gibt, die solche Nummern spielen!

Mittwoch, 14. März 2018

Riker zaubert, Data erklärt

(14. März 2018) Ich bin ein großer Fan der amerikanischen SciFi-Serie "Star Trek - The next generation". Unterhaltung zuallervörderst, sicher, aber häufig mit einem moralischen Anspruch, den ich selten so in anderen Fernsehserien dieses Kalibers gesehen habe. Soeben habe ich auf Youtube den folgenden Clip entdeckt, eine Szene, die mir total entfallen war - man stelle sich mein Entzücken vor!


Donnerstag, 15. Februar 2018

Die Rolle ist die Rolle ist die Rolle ...

(14. Februar 2018) Im Hauptberuf bin ich Bid Manager für eine große EDV-Firma - eine Art Projektleiter für Angebote, die so groß und komplex sind, dass sie von vielen Leuten parallel bearbeitet werden müssen. In diesem Beruf muss ich strukturiert arbeiten, Pläne erstellen und ihre Durchführung überwachen, Fortschrittsberichte schreiben und an vielen, vielen Besprechungen teilnehmen und deren Ergebnisse in die Tat umsetzen. Am Aschermittwoch arbeite ich natürlich ebenfalls in dieser Funktion, ich sitze in einem Raum mit einer Menge Kollegen aus aller Herren Länder und wir arbeiten konzentriert an einem Angebot, ich in der soeben beschriebenen Funktion - und dann stehe ich auf und fahre ich zu einem Zauberauftritt beim VdK Preungesheim-Berkersheim. Ich bin das Zentrum der Aufmerksamkeit in einem Saal voller Menschen, die sich fragen, was der komische Mann im Stresemann (so der Name des Anzuges, den ich trage) da so macht. Ich stelle meine übliche stage persona vor, den leicht arroganten, leicht besserwisserischen Akademiker. Ich bin Rampensau, ich produziere mich, ich schreie - im übertragenen Sinne - "Schaut mich an, ich unterhalte Euch!", ich lache mit den Zuschauern und teile ihre Überraschung und ihre Freude. Dann fahre ich wieder ins Büro und bin wieder strukturiert und logisch und spreche Englisch. Diesen Kontrast habe ich selten so stark erlebt wie an diesem Tag!
So, jetzt wird's schmalzig: Ich liebe es, dass mein Leben diese beiden Facetten hat. Mir macht beides unglaublich viel Spaß und ich würde gerne glauben, dass das eine immer ein Korrektiv für das andere ist.

P.S.: Ach ja, gezaubert habe ich auch - und ich bin das erste Mal an einer Zuschauerin vollständig gescheitert, die alles daran setzt, meine ambitious-card-Routine zu sabotieren. Ob Sie bitte die Karte unterschreiben kann? Nein, will sie nicht, sie malt eine Schlangenlinie drauf. Na gut ... Ob sie mit dem Finger schnippen kann? Nein, kann sie nicht. Hhmm, blöd ... Ob sie bitte auf eine Karte in der Mitte des Stapels tippen kann? Sie tippt auf die erste Karte ... Warum ich nicht nach den ersten Anzeichen dafür Schluß gemacht oder einen anderen Zuschauer ausgewählt habe, ist mir rückschauend ein Rätsel. Jeder darf Zauberei so erleben und genießen, wie er oder sie mag und natürlich darf man Zauberei auch doof und belanglos finden, aber warum muß ich denn die arme Frau so quälen und mich gleich mit? Warum suche ich mir nicht einen Zuschauer, der daran Spaß hat? Ich weiß es nicht, aber vielleicht habe ich ja was gelernt.
Im übrigen war das Publikum sehr nett und der Unterhaltung gegenüber sehr aufgeschlossen, das sei der Vollständigkeit halber angefügt!